Was macht eigentlich ein Betriebsrat bei heine?

24. August 2018

Interview mit Arno Neuber – Betriebsratsvorsitzender bei heine

Hallo Arno. Was macht denn nun eigentlich ein Betriebsrat bei heine?

„Die Themenliste umfasst wahrscheinlich das ganze Alphabet. Ich beginne dabei gerne von ganz hinten mit Z wie „Zuhören“, um dann irgendwann zu A wie „Alternativen aufzeigen“ zu gelangen.
Die Themen, die an mich herangetragen werden, sind vielfältig und reichen von Konflikten am Arbeitsplatz über Gesundheitsfragen bis zur Beratung bei der Planung von Elternzeit.
Und dann gibt es natürlich auch Zeiten, in denen man richtig gefordert ist, weil im Betrieb zum Beispiel Umstrukturierungen laufen, die viele gute Ideen verlangen, damit nicht nur die Prozesse optimiert werden, sondern auch für die KollegInnen keine Nachteile entstehen.“


Wie kam heine zu einem Betriebsrat?

„Die erste Betriebsratswahl war 1975. heine war in den 24 Jahren seit der Firmengründung von einer Handvoll MitarbeiterInnen auf 350 Beschäftigte gewachsen. Zeit also für eine Interessenvertretung. Damals gab es noch getrennte Wahlen von kaufmännischen und gewerblichen MitarbeiterInnen und bei den Angestellten traten drei konkurrierende Listen an. In den letzten Jahren hatten wir ja eine reine Persönlichkeitswahl. In den ersten Betriebsratsjahren wurde eine neue Betriebsordnung ausgehandelt, eine Urlaubsregelung vereinbart, Mitarbeiterinnen mit Aushilfsverträgen in unbefristete Arbeitsverhältnisse übernommen und alle Mitarbeiter gehaltlich in den Tarifvertrag eingruppiert.“


Welche Rechte und Pflichten hast du als Vorsitzender?

„Nach dem Betriebsverfassungsgesetz hat der Vorsitzende eine ziemlich starke Stellung. Er bestimmt die Tagesordnung der Betriebsratssitzungen. Erklärungen oder Schriftstücke aus dem Personalbereich oder von der Geschäftsführung darf nur der Vorsitzende entgegennehmen. Er zeichnet praktisch alles ab und verantwortet alles. Das ist zumindest die Vorstellung des Gesetzgebers. Intern regeln wir das ein bisschen anders. Zum Beispiel steht im Gesetz, dass der Betriebsratsvorsitzende die Sitzungen leitet. Wir haben irgendwann einmal beschlossen, dass wir das abwechselnd machen. So sind wir auch bei der Besetzung der Ausschüsse etwas unorthodoxer vorgegangen. Ich bin beispielsweise nicht Teil des Personalausschusses und wir haben jeden Ausschuss mit einer Person besetzt, die nach der Wahl neu in den Betriebsrat gewählte wurde. Diese Neuzugänge einzuführen, gehört übrigens auch zu meinen Pflichten. Genauso wie der vertrauensvolle Umgang mit Informationen, die mir in meiner Position als Betriebsratsvorsitzender zuteilwerden.“


Wann ist ein Betriebsrat deiner Meinung nach erfolgreich?

„Wenn er nicht allein dasteht, sondern mit den MitarbeiterInnen gemeinsam handelt oder zumindest von ihnen unterstützt wird.
Und wenn er seine Arbeit auf Nachhaltigkeit anlegt. Man kann im Konfliktfall schon mal mit dem Kopf durch die Wand. Meistens erweist sich das als Bumerang. Im Ergebnis der Betriebsratsarbeit gibt es in der Regel einen Kompromiss. Und der, so haben wir über die Jahre gelernt, ist gut, wenn beide Seiten zufrieden sind oder wenn beide Seiten unzufrieden sind. [Lacht]
Ich glaube, dass die Erfolgsbeteiligung für MitarbeiterInnen, die wir ausgehandelt haben, ein solches Modell ist. Hier waren sich beide Parteien einig, dass die Vereinbarung richtig gut geworden ist. Mir hat besonders gefallen, dass wir das Verteilungsprinzip verändern konnten und alle dieselbe Summe erhalten, egal ob in Teil- oder Vollzeit angestellt.“


Im Mai wurdest du als Betriebsratsvorsitzender wiedergewählt. Was hast du dir für die kommenden vier Jahre vorgenommen?

„Wir sind ein Unternehmen, das sich gerade neu erfindet, von der Handelsgesellschaft zur Modemarke. Wir wollen als Betriebsrat diesen Wandel mit gestalten. Dazu gehört auch ein tiefgehender Kulturwandel. Der darf nicht nur von oben vorgegeben, der muss von unten getrieben und gelebt werden. Da muss vieles auf den Prüfstand. Ein kleines Puzzleteilchen ist zum Beispiel, dass Urlaub nicht mehr von der Führungskraft genehmigt, sondern von den Mitarbeiterinnen selbstständig im Team besprochen und dann gebucht wird.
Führungsstrukturen sind zu hinterfragen, Qualifizierung und Fortbildung bekommen größere Bedeutung, die Themen Datenschutz und Datensicherheit nehmen zunehmend Raum ein. Auch Betriebsräte müssen sich weiterentwickeln und qualifizieren.
Ja und dann will ich mich allmählich überflüssig machen. [Lacht]
Das soll meine letzte Amtszeit vor dem Ruhestand sein.“


Wie ist euer Selbstverständnis im Betriebsrat?

„Im Betriebsverfassungsgesetz sind ja die Aufgaben des Betriebsrats allgemein formuliert: Über die Einhaltung von Gesetzen und Schutzvorschriften wachen, Interessen der MitarbeiterInnen gegenüber dem Arbeitgeber vertreten, Arbeitsplätze zu sichern. In einem Workshop haben die heine Betriebsräte vor einem Jahr ihren Anspruch an die eigene Arbeit formuliert und Werte wie Respekt, Wertschätzung und Solidarität festgehalten. Dazu gehört aber auch Souveränität, Standhaftigkeit und Selbstvertrauen. In unser schriftlichen Selbstvergewisserung haben wir festgehalten: „Wir geben Impulse. Wir setzen uns ein und durch.“
Ein Satz aus dem Workshop ist mir besonders in Erinnerung geblieben: „Bei uns gibt es immer eine Tasse Kaffee und ein Lächeln“. Anfangs dachte ich mir, das ist doch ein bisschen wenig für einen Betriebsrat, oder? Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto toller finde ich diesen Satz. Vieles fängt bei uns mit einem Kaffee und einem Lächeln an. Dabei muss es ja dann nicht bleiben.“


Wie hat sich die Betriebsratsarbeit in den letzten Jahren verändert?

„Für mich ist die wichtigste Veränderung, dass wir mit der Geschäftsführung jetzt auf Augenhöhe sprechen. Das war nicht immer so. Es gab Zeiten, in denen das Motto „je weniger der Betriebsrat weiß, desto besser“ galt und wir um jede Information kämpfen mussten. Das ist heute unvorstellbar. Für uns besteht die Herausforderung vielmehr darin, die vielen Informationen zu sortieren und zu bewerten.
Ich habe den Eindruck, dass der Betriebsrat als wichtiger Partner geschätzt wird, der im Konfliktfall eben auch ein Sparringspartner sein kann.
Wer ernst genommen wird, muss im Gegenzug auch seine Arbeit ernsthaft anlegen. Aus Prinzip dagegen sein, reicht da schon lange nicht mehr. Eine eigenständige Beurteilung von Prozessen ist notwendig, damit man eine eigene Position formulieren kann. Lösungen sind gefragt nicht Sprüche klopfen.“

Vielen Dank für das Interview, Arno.

Autorin:
Lena Grosshans
Personalmarketing und Entwicklung
Photography by Nils Walter Photography